Q: Frau Andresky, mit Ihren erotischen
Kurzgeschichten „Feucht“ und „Tiefer“ haben
Sie sich als Deutschlands erfolgreichste
Pornoautorin etabliert. Wenn der Roman
die Steigerung der Kurzgeschichte ist, was
können wir erwarten von Vögelfrei? Wird
es feuchter und noch tiefer – oder geht es
darum, den Quickie durch den multiplen
Lesegenuss am Stück zu ersetzen?
A: Ja, feuchter und tiefer und vor allem
länger! Ich bin ja nicht nur Verbalerotikerin,
sondern auch eine leidenschaftliche
Geschichtenspinnerin. Bei den Kurzgeschichten
musste ich mich immer bremsen
und konnte vieles nicht erzählen, weil es
den Rahmen gesprengt hätte. Bei „Vögelfrei“
konnte ich endlich alle Zurückhaltung
aufgeben und mich in jeder Hinsicht gehen
lassen.
Am Anfang stand die Idee des „Treibhauses“,
einer Art Sex-Club für Frauen, eine
Diskothek mit angeschlossenem Darkroom.
Ich kann doch nicht die einzige sein, die
tanzen heiß macht, aber keine Bartstoppeln
von fremden Männern auf ihrem Kopfkissen
haben will?
Dann habe ich mich gefragt: Welche Art
Frau würde so einen Club aufmachen, was
hat sie erlebt, wo kommt sie her, was will
sie? Und als dann eine Freundin in einem
Nebensatz sagte, es sei doch eine spannende
Vorstellung, einmal alle Exfreunde
gemeinsam zum Essen einzuladen und zu
sehen, ob sie selbst herausfinden, was sie
verbindet, hatte ich meine Heldin Marei.
Q: Ein Jahr vom Ehemann „vögelfrei“ zu
bekommen, klingt wie eine soziale Utopie.
Wenn Männer sich neben ihrer festen
Beziehung verlustieren, ist das normal.
Wenn Frauen sich die Freiheit erotischer
Abenteuer nehmen, ist das (immer noch)
etwas anderes. Wollen Sie mit ihrer Prosa
einen Beitrag zur Gleichberechtigung der
Geschlechter leisten?
A: Ich hoffe ja immer, dass man das nicht
mehr muss. Allmählich sollte die Gleichberechtigung
doch auch in Posemuckl angekommen
sein. Aber wenn man unbedingt
eine Moral in dem Roman suchen möchte –
und ich bin nicht die Fachfrau für Moral – ist
es wohl die, dass man sich selbst befreien
muss. Niemand anderes wird das tun.
Q: Sie nehmen kein Blatt vor den Mund und beschreiben Sexszenen so detailliert und handfest, wie sich mancher eine Gebrauchsanweisung für ein neues Technik- Tool wünscht. Wie haben Sie sich diese Kenntnisse zugelegt? Muss alles selbst ausprobiert und getestet sein oder lassen Sie Ihre Fantasie spielen?
A: Ich finde, dass Sex eine unglaublich
spannende Sache ist. Das ist wie ein Brennglas,
unter dem alles ganz deutlich wird, die
eigene Person wie die jeweilige Beziehung.
Wenn man sich nackig macht, kann man
auch im übertragenen Sinn schlecht etwas
verbergen, das ist doch wunderbar. Manche
Episoden sind autobiographisch, aber natürlich
nicht alle. Wenn ich derartig viel auf
der Piste wäre, käme ich ja gar nicht mehr
zum Schreiben. Ich recherchiere immer
ausführlich – auch im Bekanntenkreis. Es ist
irre, was einem die Leute für Details erzählen,
wenn man erotische Bücher schreibt.
Manches probiere ich auch extra für den
Text aus, also z.B. ob eine Stellung so wirklich
funktioniert oder ob sich etwas wirklich
so anfühlt, wie ich es mir vorgestellt habe.
Man könnte also sagen, die Suche nach der
Lust ist mein Job. Was für ein toller Beruf!
Q: Das Vokabular, mit dem Sie Sexszenen beschreiben, ist sehr freizügig und fantasievoll. Gibt es für Sie Grenzen und absolute dont’s / no-gos?
A: Beim Vokabular gibt es kaum Grenzen,
moralische schon gar nicht, aber natürlich
habe ich manche Wörter lieber als andere.
Entscheidend ist immer, ob es mich persönlich
anmacht oder nicht. Ich bin eine Verbalerotikerin,
ich will Sex nicht nur fühlen,
hören und sehen, ich will ihn auch benennen.
Und erstaunlicherweise macht es mich
nach sechs Büchern immer noch wuschig,
wenn jemand so ganz nebenbei ficken sagt.
Ganz vieles ist mir aber auch peinlich: Titten
mag ich zum Beispiel nicht. Und wenn es
zu blumig wird, finde ich es oft unfreiwillig
komisch. Worte wie Luststab, Liebesperle
oder Lustknospe wird man bei mir nicht
finden. Und auch bei Rute, Speer oder
Fleischpeitsche denke ich eher an Comedy
als an Erotik. Sex ist sowieso manchmal
eine sehr komische Sache. Wer immer sich
das ausgedacht hat, hatte wirklich Humor.
Q: Schreiben Sie ausschließlich für weibliche Leser – oder hoffen Sie, dass auchdie Herren der Schöpfung sich (eventuell heimlich) über erotische Frauenphantasien informieren?
A: Die meisten Leser, mit denen ich im
Internet Kontakt habe, sind erstaunlicherweise
Männer – was natürlich daran liegen
kann, dass sich mehr Männer online tummeln
als Frauen. Und es scheint gar nicht
darum zu gehen, etwas über weibliche
Phantasien zu erfahren, sondern nach dem,
was ich so an Rückmeldungen bekomme,
finden Männer die Sexszenen einfach geil.
Meine Perspektive ist natürlich immer
weiblich, und vielleicht schätzen männliche
Leser auch, dass sie bei mir nicht die
üblichen Pornoklischees finden, sondern
etwas anderes. Für mich müssen Sexszenen
detailliert, lustig und auch ein bisschen
spooky sein, dann macht es mir am meisten
Spaß.
Q: Es gibt den schönen, auch von Ihnen zitierten Ausspruch, unsere Gesellschaft sei oversexed und underfucked. Was heißt das?
A: Auf der einen Seite sind wir ständig von
Sex umgeben. Jeder Joghurt wird mit prall
bäuerlichen Milchbrüsten beworben. In den
Videoclips auf Viva tanzen Mädels in einer
Art, dafür hätte sie früher eine wütende
Meute mit erhobenen Forken aus dem Dorf
gejagt. Und auf der anderen Seite findet
immer weniger realer, befriedigender, lustvoller
Sex statt. Die Wissenslücken sind gigantisch.
Ich bekomme Anfragen, bei denen
man denken könnte, Oswald Kolle und Dr.
Sommer hätte es nie gegeben. Sex ist zu so
einer Art Showkampf geworden, man muss
Punkte machen, gewinnen und dabei noch
super aussehen. In Pornofilmen werden
Stellungen vorgeführt, die rein anatomisch
nicht funktionieren. In Sexmagazinen sind
die Körper der Frauen so retuschiert, dass
die im echten Leben nicht atmen könnten.
Es gibt Frauen, die sich die Vagina chirurgisch
„verschönern“ lassen, statt sich dafür
zu interessieren, wie man am schönsten
Lust empfindet, das ist doch krank.
Q: Gern hätten wir Deutschlands erfolgreichste Porno-Autorin auch im Bild vorgestellt und etwas über ihr Leben erzählt. Sie ziehen sich den Hut ins Gesicht und schweigen. Warum?
A: Das, was zwischen der Leserin und
mir passiert, ist sehr intim. Ich gebe eine
Phantasie preis, und die Leserin spielt sie in
ihrem Kopf durch und verändert sie so, bis
sie den höchsten Schärfegrad erreicht hat.
Da will ich nicht stören mit meiner realen
Person. Der eine Leser möchte mich groß
und blond – okay, ich bin eine platinblonde
Riesin, der nächste hätte mich gerne
grünäugig und pummelig, auch gut. Und
auch für mich ist diese Anonymität wichtig.
Immerhin erzähle ich da eine Menge von
dem, was sich so in meinem Kopf abspielt.
Ich möchte nicht morgens meine Brötchen
kaufen und von der Bäckersfrau in eine
Diskussion über Gruppensex oder Gleitcreme
verwickelt werden. Wie bei Marei
in Vögelfrei sind manchmal Geheimnisse
einfach erotischer.